Das revoltierende Fleisch
Foucault, Deleuze, Cronenberg und der menschliche Körper.
 
... Cronenberg weist auf das Vakuum jener Ideologie hin, die an die Beherrschung des Körpers mittels Technologien, Disziplinen glaubt, jedoch nichts anzufangen weiss, mit jenen Körpern, die sich nicht formieren lassen, die sich in eine abnormale, weil nicht-normierte Richtung verändern. 
In «Crash», dem umstrittendsten Film Cronenbergs, begegnen wir dem Porträt einer Gesellschaft von scheinbar selbstverwirklichten Individuen: Beruflich erfolgreiche Paare, die keinen anderen Imperativ als den ihrer eigenen sexuellen Lust gelten lassen - mit dem Effekt einer totalen Unmöglichkeit zur Lust. Der Autounfall in dem die Hauptfigur James Ballard schwer verletzt wird, zeigt dabei den Wendepunkt an: Der Autounfall fungiert hier als Ordnung zerstörende Maschine. Der Crash führt Ballard die Grenze des eigenen Körpers vor, um sie im selben Augenblick auch zu durchbrechen. Sein Leib ist ein fortan versehrter, ein behinderter, ein anderer und dadurch auch ein Lust-Körper geworden. Ballard und die Unfallopfer, die er im Krankenhaus kennenlernt – sie alle geniessen ihr durch den Auto-Crash ihnen neu verschaffte, gezeichnete Fleisch: Mensch-Maschine verkoppelt mit der Auto-Maschine, erweitert durch die Crash-Maschine... ein Fleisch der Vielheiten von Lüsten. Cronenberg hat damit seinen provokantesten Film gemacht, da er seiner Vision nicht länger an einem science-fiction-Schauplatz inszeniert, sondern ihr den allgegenwärtigen Ort unserer Strassen zuschreibt. Die Vorstellung vom verwandelten Fleisch wird zum konkret beobachtbaren Phänomen. Cronenbergs Körperbild in nuce. Der Zuschauer sieht sich zerrissen zwischen seinem Ekel vor und seiner Lust am ge-crashten Fleisch...

(Bild: Standbild aus «Videodrome» USA 1983)
erschienen in: Variations. Ausgabe 8/2002. S. 85-99.