Denken bis zum letzten Widerspruch :
Zum 100. Geburtstag von Theodor W. Adorno.
Denken bis zum letzten Widerspruch :
Zum 100. Geburtstag von Theodor W. Adorno.
Wer sich dieser Tage durch die deutschen Feuilletons liest, stösst unweigerlich auf den Namen Adorno. Die Tatsache alleine, dass der Philosoph dieses Namens am 11. September hundert Jahre alt geworden wäre, vermag nur dürftig diese wahre Publikationsflut erklären. Und zur Untermauerung des - gewiss zutreffenden - Gemeinplatzes, mit Adorno habe man einen der wohl bedeutendsten und wirkungsvollsten Denker des 20. Jahrhunderts vor sich, tragen nur die wenigsten Artikel wirklich etwas bei.
Vielmehr – durch die jüngste Veröffentlichung gleich mehrerer Biographien mit reichlich Material versehen - liest man von den Affären des Philosophen, seiner Vorliebe für die Oberweiten von Kommilitoninnen und den Zumutungen seiner Frau Gretel gegenüber. Selbst die Ernsthafteren unter den Kommentatoren sind versucht, die ganze Komplexität eines Denkens in jenen berüchtigten Aktionen des Sommersemesters 69 zusammenzufassen, wo barbusige Studentinnen das Podium stürmten und so neben seiner Vorlesung, angeblich auch dem Leben Adornos den Todesstoss versetzt hätten. Dass der Philosoph tatsächlich kurz darauf starb, passt ausgezeichnet ins mehr als simple Bild.
Im Gegensatz zu solch erotisierten Boulevard-Enthüllungen übt man unter Berufs-Intellektuellen die steife Verneigung vor einem scheinbar museal gewordenen Akademiker. An die sechs eng bedruckte Seiten füllt der Veranstaltungskalender mit dem allein Frankfurt seinen berühmten Professor ehrt: Öffentliche Lesungen aus dem Werk, Konzerte seiner Kompositionen, fachphilosophische Vorträge, Austellungen und die Einweihung des neu gestalteten Adorno-Platzes – Alles in allem eine Ruhmestafel von derart bronzener Wuchtigkeit, dass nicht nur der schelmische Dialektiker den Verdacht schöpft, hier wolle man den Geehrten eher hinter seinem pompösen Denkmal verstecken, als ihn selber zu Worte kommen zu lassen.
Dabei sind sich beide Arten der Zuwendung, die schadenfreudige Auflistung schmuddliger Anekdoten und die Aufbahrung im Elfenbeinturm strukturell näher verwandt, als es zunächst scheint. Hier wie dort pflegt man ein geradezu fetischistisches Verhältnis zu dem Philosophen, dem es immer um Auflösung von Fetischismen aller Art gegangen ist. Ob schnoddrig oder ehrerbietig, praktiziert wird allenthalben die Mumifizierung einer Philosophie, deren grösste Stärke stets die Verweigerung war, sich das Korsett der Fixfertigkeit anlegen zu lassen.
Wesentlicher wäre es somit, die Theorien des Jubilaren auf ihre zeitgenössische Relevanz hin abzuklopfen. Es gilt, ein Denken, das blosse Bewunderung auf Distanz nicht zulässt, im Licht der Gegenwart nachzuvollziehen.
«Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muss dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen.», so steht es in dem 1951 erschienenen Werk «Minima Moralia». Damit ist die Prämisse Adornos charakterisiert, sein pessimistischer Ausgangspunkt markiert: Die scheinbare Eigenständigkeit des Einzelnen ist eine Illusion, die verdeckt, wie sehr man immer schon bis über beide Ohren im Getriebe der Macht steckt. Das Individuum ist nicht Herr im eigenen Hause, es leidet an Entfremdung - eine These, die Adorno seinen drei geistigen Lehrern Marx, Nietzsche und Freud schuldet. Deren Methode der kritischen Analyse, die Paul Ricoeur einmal schön als «Übung des Verdächtigens» zusammengefasst hat, wird von Adorno denn auch weiter getrieben. Noch das kleinste, unspektakulärste Alltagsdetail weckt unter dem überscharfen Blick Adornos den Verdacht, in einer geheimen und darum äusserst wirksamen Verstrickung mit Macht und Ideologie zu stecken. In den über 150 Kurzessays der «Minima Moralia» macht Adorno unter anderem am Kinofilm, der Schlagerplatte, dem Büchergestell oder im Tiergarten sichtbar, wie wenig wir eigentlich wissen, was wir tun. Der Untertitel diese opus magnum gilt auch fürs restliche Werk: «Reflexionen aus dem beschädigten Leben» - buchstäblich eine (Psycho-) Pathologie des Alltaglebens.
Dass es diese argumentativ komplexen und in ihren Ergebnissen durchweg unbequemen «Übungen im Verdächtigen» bis heute auf 120'000 verkaufte Exemplare geschafft hat – eine Zahl, die kaum ein anderes deutsches Philosophiebuch des zwanzigsten Jahrhunderts erreichte – gehört bis heute zu den verblüffendsten Phänomenen des Verlagswesens. Dabei waren die Voraussetzungen für dieses letzte philosophische Volksbuch der Deutschen alles andere als günstig – die vergleichbar bissige Sprachkritik eines Karl Kraus hatte man bereits tüchtig vergessen und noch wenig rezipiert war Walter Benjamin, Freund und Mentor Adornos, der mit dem Denkprosabuch «Einbahnstrasse» in mehrere Hinsicht ein Vorbild der «Minima Moralia» geliefert hatte.
Ein Grund für die bis heute anhaltende Attraktivät des Buches, dürfte hingegen seine Kunstgestalt sein. Trockene Argumentation weicht hier einer kunstvollen Prosa, die nicht mit nüchterner Logik, dafür aber mit überraschenden Bildern und provokanten Übertreibungen operiert. Es wimmelt von süffigen Sentenzen und kraftmeierischen Pointen, die wie geschaffen scheinen, um flugs auf ein Zuckertütchen gedruckt zu werden. Zudem zeugt das Buch von einer «Superklugheit», wie bereits frühe Kritiker vermerkten, die zwar auf die Nerven gehen kann, vor allem aber das zufriedene Gefühl des Besserwissens verschafft.
Doch bei genauerem Hinsehen erweisen sich diese zunächst so eingängigen Aperçus als ungemein sperrig und widersprüchlich. Das Gefühl der Superklugheit muss einer Verunsicherung, ja Erschütterung des eingerasteten Denkens weichen. Denn jedes einzelne Aperçu vollzieht, was Adorno später in die Formel der «Negativen Dialektik» gestanzt hat. «Negative Dialektik» - das ist, wie Adorno im gleichnamigen Buch bekennt, eigentlich ein Widerspruch in sich. Anders als in der Dialektik Hegels vermag die Negative Dialektik Adornos den argumentativen Widerstreit zwischen These und Antithese nicht in einer versöhnlichen Synthese aufzulösen. Hat es sich die Dialektik zur Aufgabe gemacht, das fundamentale Problem der Philosophie, den Graben zwischen Sein und Denken, zwischen der Sache und dessen Begriff, zu überwinden, so plädiert Adorno für die Nicht-Identität von Sein und Denken. Mehr noch, Adorno versucht den Widerspruch nicht nur zwischen Sache und Begriff, sondern auch den Widerspruch in den Sachen, die Nicht-Identität im Begriff selbst aufzuzeigen. Damit jedoch bekommt sämtliche Begrifflichkeit etwas Janusköpfiges und entzieht sich jeder ein für allemal fixen Verwendung.
Die solchermassen problematisch gewordene Sprache schlägt sich nicht zuletzt auch in Adornos eigenwilligem Stil nieder. Ausgerechnet er, der die Stilistik Martin Heidegggers und dessen Epigonen angegriffen hatte, bildete in seinen eigenen Texten einen nicht minder auffälligen Jargon aus. Diese Koinzidenz ist indes nicht zufällig, betreiben doch beide Philosophen eine grundlegende Dekonstruktion der Sprache. Doch während bei Heidegger der triviale Begriff alsbald zu metaphysischer Dignität anwächst, sträubt sich Adorno gegen eine solche «Himmelfahrt des Wortes». Seine Sprache bleibt vielmehr, wie das zu Beschreibende, widerspruchsvoll. Die mit Vorliebe verwendeten exquisiten Fremdwörter – Adorno hatte sie einmal die «Juden der Sprache» genannt - sind dabei absichtlich platzierte Stolpersteine im Text, die ein intuitives Verstehen konsequent verhindern. Der Leser Adornos wird fremd in der eigenen Sprache und lernt damit schon auf hermeneutischer Ebene jene wesentliche Lektion von der Opakheit der Begriffe. Der komplizierte Satzbau und die zuweilen unklaren grammatischen Bezüge führen vor, was der Inhalt unermüdlich zu zeigen versucht: die Nicht-Identität des Denkens.
Entgegen der weit verbreiten Praxis ist Adorno gerade darum ein Philosoph, der sich streng genommen kaum zitieren lässt. Jeder Gedanke, welcher aus seinem Zusammenhang gerissen wird, verkümmert sogleich zur schmucken Binsenweisheit und wird falsch. Das dialektische Denken, welches – nach Adornos eigener Forderung – sich immer wieder selbst kritisch in Frage zu stellen hat, wird im ehrwürdigen Zitat zu Pauschalurteilen zementiert. Versucht man hingegen dem zwischen These und Anti-These pendelnden Gedanken zu folgen, muss einem jeder scheinbare fait acccompli des sozialen Lebens als falsche, vorläufige Konstruktion scheinen.
Ein derart dekonstruktiver Adorno befindet sich plötzlich in erstaunlich naher Verwandschaft zur französischen Gegenwartsphilosophie. Adorno - ein systemkritischer Postmoderner avant la lettre? Vieles spricht für die gewagte These. Michel Foucault hat selbst auf die enge Verbindung zwischen seinen frühen Schriften und Adorno hingewiesen. Eine Verbindung jedoch, die von Adorno nicht und vom französischen Historiker erst nach sehr später Lektüre erkannt worden ist. Besonders aber wurde vom Philosophen Jean-François Lyotard, der den Begriffs «Postmoderne» erst kreiert hat, auf die Nähe zu Adorno beharrlich hingewiesen: «Derrida, Foucault, Lévinas, Deleuze (...) Liest man jetzt und mit diesen Namen im Kopf Adorno, insbesondere Texte wie die ‹Ästhetische Theorie›, die ‹Negative Dialektik› oder ‹Minima Moralia›, so gewahrt man, wie sehr er in seinem Denken das Postmoderne vorwegnahm.»
Den Grund, dass Adorno gleichwohl zurückhaltend bis abblehnend der Postmoderne gegenüberstand, sieht indes Lyotard in der Frage des Politischen. Jenes Attribut der Beliebigkeit nämlich, das der Postmoderne oft, wenn auch nicht zwingend anhaftet, lässt Adorno nicht gelten. Für ihn kann es nicht darum gehen, nur gelassen festzustellen, «dass jedes Ding seine zwei Seiten hat». Hingegen stellen gerade die «Minima Moralia» gemeinsam mit anderen kurzen Schriften, beispielsweise den «Prismen», «Eingriffen» oder «Stichworten» jenes paradoxe Unterfangen dar, die Widersprüchlichkeit der Welt in Rechnung zu stellen und trotzdem nicht die Fähigkeit zur Intervention aufzugeben.
Das zuweilen brutale und bildungsbürgerliche Verdikt, welches Adorno über ein Alltagsphänomen spricht, ist als momenthafte Stellungnahme, als «Eingriff» nötig und kann doch gerade innerhalb einer negativen Dialektik niemals der Weisheit letzter Schluss sein, sondern erwartet immer schon den produktiven Widerspruch. Sogar die immer so vehement abgelehnte Kulturindustrie ist kein eindeutiges Feindbild, sondern ist nach Adornos Worten «in sich so antagonistisch, wie die Gesellschaft, auf die sie es abgesehen hat. Sie enthält das Gegengift ihrer eigenen Lüge. Auf nichts anderes wäre zu ihrer Rettung zu verweisen.»
Der heutige Leser findet somit in Adorno weniger jenen bildungsbürgerlichen Scharfrichter der Populärkultur, als der er gerne verhökert wird. Stattdessen kann man von ihm lernen, wie sich in einer widerspruchsvollen Gegenwart noch kritisch Reflektieren lässt, ohne darüber in Resignation zu verfallen. Eine Schule des Denkens, nicht mehr und nicht weniger.
Allerdings lässt sich dieses Denken niemals in blosser Abstraktheit vollziehen. Die «Erfahrung» eines konkreten Gegenstands ist mehr als nur Auslöser zur abgehobenen Reflexion – sie bleibt vielmehr eine ständige, unüberwindbare Herausforderung an das Denken. Das Kunstwerk, dem Adornos letztes, Fragment gebliebenes Grossprojekt, die «Ästhetische Theorie» gewidmet ist, stellt dafür das beste Beispiel dar. In seiner monadischen Abgeschlossenheit ist es zwar Objekt der Theorie, ohne jedoch in dieser auflösbar zu sein. Es bleibt ein Rest, das «Inkommensurable» des Kunstwerks, welches die theoretische Reflexion unablässig antreibt, um zugleich deren Grenze zu markieren. Auch dies ist ein dialektisches Verhältnis ohne Aussicht auf Synthetisierung. Nur umkreisen kann eine «Ästhetische Theorie» ihren Gegenstand, nicht aber ihn positiv definieren. Das Fragmentarische scheint dem Projekt inhärent. Die Schule des Denkens kann keinen Abschluss finden.
Nur zuweilen scheint aus der zermürbenden und frustrierenden Sisyphos-Arbeit des widersprüchlichen Denkens ein überraschend simpler Pfad hinaus zu führen: Im Text «Sur l’eau» aus den «Minima Moralia» träumt der zuvor noch gewohnt kritisierende Adorno unvermittelt vom einfachen Glück, bloss auf dem Wasser zu treiben. Schlichtes und ganz undialektisches «Sein»? Aber selbst dieses ungewohnt versöhnliche Bild hat seine dialektische Doppelbödigkeit. Wie Hans Ulrich Gumbrecht hingewiesen hat, «kann jemand, der auf dem Wasser liegt, ohne Luftmatratze kaum durchhalten – auf der man dann doch wieder Balance zu finden und zu bewahren hat». Gar so einfach ist das undialektische Sein denn doch nicht zu haben. Unter der ruhigen Oberfläche lauert schon ein weiterer Widerspruch.
© Johannes Binotto
erschienen in: Der Landbote, 6. September 2003
Den vollständigen Text gibt es hier: adorno.pdf