Kino als Hütte
Vom Potential des Vorführraums
 
(Den vollständigen Text gibt es hier: KinoalsHuette.pdf.)
 
... So sind auch die Märkte, Messen und Wanderzirkusse, an denen das Kinotheater entstand, nicht blosse Schauplätze ohne Einfluss auf das, was sie vorführen. Sie sind eigentliche Settings, welche die gezeigten Filme, deren Form und Inhalt formieren, aber auch umgekehrt von diesen bestimmt werden. Film und Vorführraum führen somit einen intensiven, gegenseitigen Dialog. Die Kurzfilme des Pioniers George Méliès’, wie etwa «Un homme de têtes» von 1898 oder «L’homme à la tête de caoutchouc» von 1901 werden nicht nur im Umfeld des Varietés gezeigt, sie sind vielmehr selbst offensichtliche Varieténummern in denen der Regisseur auftritt, wie der Illusionist auf der Bühne. Acht Jahre später scheint Méliès mit seinem erstaunlichen Film «Le locataire diabolique» gar die fragilen, immer in Metamorphose begriffenen Räumlichkeiten des Jahrmarktes und Wandervarietés zur eigentlichen Filmhandlung zu machen. So wie der «diabolische Mieter» in einem gewöhnlichen Wohnraum Einzug hält und aus seinen Koffern und Kisten ein ganzes Interieur samt familiärer Belegschaft herauszaubert, so verfährt auch der Wanderzirkus mit dem Dorfplatz aus dessen vormals leerer Mitte er Fabeltiere und Wunderwerke aufsteigen lässt. Und selbst die Filme der Gebrüder Lumière, diesen scheinbar so eindeutigen Antipoden zum Fantasten Méliès, erscheinen - in solchem Umfeld gezeigt - nicht als dokumentarischer Realismus, sondern als fantastische Illusionen, welche ihrerseits den Raum ihrer Vorführung so radikal erweitern, dass die Zuschauer – wie es die Legende von ihrem Film «L´arrivée d´un train en gare de La Ciotat» erzählt – darob erschrecken. Die unerhörten Bilder des Films verzaubern den Raum, und umgekehrt macht der karnevaleske Ort aus dem Film ein Spektakel.
 
Michel Foucault hat den Begriff der «Heterotopie» für solche Orte geprägt, wo das Wunder in der realen Welt statthat. Diese paradoxen Örtlichkeiten sind «Gegenorte (...), tatsächlich verwirklichte Utopien, in denen die realen Orte, all die anderen realen Orte, die man in einer Kultur finden kann, zugleich repräsentiert, in Frage gestellt und ins Gegenteil verkehrt werden. Es sind gleichsam Orte, die ausserhalb aller Orte liegen, obwohl sie sich durchaus lokalisieren lassen.» Foucault führt den Jahrmarkt als ein Beispiel für solch einen Gegenort auf, der ohne festen Platz und doch lokalisierbar ist. Umso mehr ist es das Zelt oder der Bretterverhau, in welchem der Kinematograph steht. Foucault selbst erwähnt das Kino als Beispiel einer Heterotopie mit der «Fähigkeit, mehrere reale Räume, mehrere Orte, die eigentlich nicht miteinander verträglich sind, an einem einzigen Ort nebeneinander zu stellen.»
Der Film, der im heterotopen Kinoraum vorgeführt wird, präsentiert weitere, noch extremere Heterotopien. Der Blick des Zuschauers gewinnt Ausblicke auf unwirkliche und doch sichtbare Räume, tief und doch so flach wie die Leinwand.
Weder ganz profane Realität noch totale Illusion ist das Kino eine Wunderkammer – wie der Name sagt, ein paradoxes, eben heterotopes Gebilde zusammengesetzt aus glitzerndem Wunder und ärmlicher Kammer. Eine Hütte voller Schätze...
 
(Bild: Die «Black Maria» von Thomas Edison - das erste Filmstudio)
erschienen in: Filmbulletin 5.05 (August 2005)