Verschnupfte Killer –
Britische Gangsterfilme im Filmpodium Zürich
Verschnupfte Killer –
Britische Gangsterfilme im Filmpodium Zürich
Der Killer Jack Carter legt im Zug auf dem Weg nach Newcastle einen Roman von Raymond Chandler beiseite und nimmt seine Nasentropfen zur Hand. In dieser kleinen Vignette aus Mike Hodges Film «Get Carter» wird zwar dem grössten Kriminalschriftsteller Amerikas die Ehre erwiesen – sie zeigt aber auch sogleich, wie sehr sich der britische Gangsterfilm von seinem amerikanischen Vorbild unterscheidet: Die Killer aus Hollywood haben niemals Schnupfen.
Armselige Helden
Der britische Gangsterfilm, dem das Filmpodium in diesen Wochen eine Reihe widmet, kommt ohne die Posen und Rituale aus, die man aus amerikanischen Mafiaepen wie «The Godfather» kennt. Und seine Helden sind nicht überlebensgross, sondern genauso armselig wie die Welt, in der sie leben.
In Jules Dassins «Night and the City» weiss man nicht, was mehr heruntergekommen ist: die Hauptfigur des verschlagenen Kleinganoven oder das schmuddelige London, in dem dieser herumirrt. Wer – wie in Joseph Loseys «The Criminal» – hinter Gittern sitzt, sieht rasch ein, dass es mit der Moral auf beiden Seiten der Gitter gleich schlecht bestellt ist. So zeigt sich auch in «The Long Good Friday» von 1980 die Unterwelt nicht als Gegenstück, sondern als Spiegelung des Establishments: Die Kriminellen übernehmen die Methoden des Thatcherismus. Wo alle gleich verrucht sind, gibt es auch keinen Ausweg.
Der Film-Gangster aus den USA verkörpert den «American way of life», den Aufstieg bis ganz nach oben, sein britischer Waffenbruder hingegen bleibt in der Gosse hängen. Selbst in «The Italian Job», dem wohl eskapistischsten Film des Genres, gelingt zwar der grosse Goldraub, doch am Ende hängt das Fluchtfahrzeug mitsamt Diebesbande und Beute über einem Abgrund. Kein Wunder, hat man diese brillante Pointe im amerikanischen Remake des Films zugunsten eines weniger ironischen Endes fallengelassen.
«Britons never never never shall be slaves», so heisst es in der englischen Nationalhymne. Die Gangsterfilme seit der Nachkriegszeit hingegen zeigen, wie sehr die Personen Sklaven ihrer Lebenssituation sind und wie wenig vom einst so stolzen British Empire noch geblieben ist. In Ken Hughes sprechend betiteltem «The Small World of Sammy Lee» oder Antonia Birds «Face» sind es die desolaten gesellschaftlichen Verhältnisse, die den Figuren keine andere Wahl als das Verbrechen lassen. Doch Entrinnen gibt es selbst mit Waffengewalt nicht. So erweist sich auch der Titel des erwähnten «Get Carter» als Prophezeiung: Carter, der Killer, der allen ein Schnippchen schlägt, wird am Ende doch noch eingefangen vom Schmutz der Städte, dem gegenüber er seine zynische Gleichgültigkeit nicht mehr länger aufrechterhalten kann. Denn die Welt zu Beginn der siebziger Jahre ist ein Schweinestall geworden: Von «Swinging Sixties» und «Make love, not war» ist nichts geblieben als ein Sumpf aus Missbrauch, Pornografie, Drogen und Gewalt. Selbst der Tod hat keine Klasse mehr. Seine Gegner bringt Carter auf übelste Art und Weise zur Strecke, und er selbst krepiert am Ende nicht weniger dreckig.
Selbst wer den Absprung längst geschafft zu haben glaubt, wird von der Vergangenheit eingeholt. Wenn zu Beginn von Jonathan Glazers «Sexy Beast» ein riesiger Felsbrocken in den Swimmingpool eines pensionierten Ganoven kracht, dann ist das bloss ein Vorgeschmack für die Gewalt, die ihn bald heimsuchen wird: Auch im spanischen Exil ist man nicht dagegen gefeit, dass plötzlich ein Kumpan aus vergangenen Tagen wieder vor der Tür steht, um einen voller Heimtücke zurück in sein altes Metier zu ziehen.
Von Gandhi zum Gangster
Die Faszination von Glazers unterschätztem Meisterwerk liegt dabei darin, dass die Gewalt, mit der dies geschieht, vor allem eine sprachliche ist: Auch auf die höflichste Absage des Protagonisten reagiert sein teuflischer Gast, indem er ihm widerspricht und auf jedes «Nein» ein wütendes «Doch» zurückbellt. Wie extrem brutal Kommunikationsverweigerung sein kann, wurde im Kino selten so deutlich gezeigt. Dass ausgerechnet der Gandhi-Darsteller Ben Kingsley diesen dickköpfigen Besucher spielt, verleiht dem Ganzen zusätzlich eine ironische Note: Ob Gandhi oder Gangster – gerade der Widerstand, der nur mit Worten stattfindet, ist mitunter besonders gewalttätig. Folglich bleibt auch hier der Hauptfigur nichts anderes, als sich zu fügen. Vorbei der Traum vom besseren Leben, die englische Gosse hat ihn wieder – deep, down and dirty.
Die Reihe «Britische Gangsterfilme» läuft bis 15. Februar im Filmpodium Zürich (Nüschelerstr. 11, www.filmpodium.ch).
© Johannes Binotto
(Bild: Michael Caine in «Get Carter»)
7. Januar 2008, Neue Zürcher Zeitung