Hinter verschlossener Tür
Über Ernst Lubitsch, den frivolsten Komödianten der Filmgeschichte
 
Einem Journalisten, der sich mit ihm ernsthaft über die Filmkunst unterhalten wollte, soll er erwidert haben: «Was heisst ernst! Ernst habe ich genug in meinem Vornamen.» Tatsächlich scheint es nichts gegeben haben, was Regisseur Ernst Lubitsch nicht zum Lachen gereizt hätte. Die Stoffe seiner Filme - Untreue, Lüge und Verrat -  sind die von Melodramen, doch in seiner Hand wurden daraus Komödien. Auch heute noch überrascht die Frechheit, mit der Lubitsch seine frivolen Geschichten erzählt und ein Film wie «Design for Living», wo eine Frau ganz selbstverständlich zwei miteinander befreundete Männer gleichzeitig liebt, trauen sich auch unter den aktuellen Regisseuren wohl nur die wenigsten zu drehen. Bei den meisten andern müsste eine solche ménage-à-trois unweigerlich in Tränen enden oder aber die Frau hätte sich zu entscheiden. Lubitsch wählt wie immer in seinen Filmen den dritten und unwahrscheinlichsten Weg: man bleibt fröhlich zusammen, wohl wissend, dass einem der Sex schon bald wieder in die Quere kommen wird. Und auch in seinem spritzigen, von verrückten Gesangseinlagen durchsetzten «One Hour With You», geht ein Ehepaar zwar fremd, ist sich am Ende aber doch nicht böse deswegen.
 
Wenn es eine Moral in seinen Filmen gibt, dann nur die wohl wichtigste und wahrhaftigste von allen, nämlich dass die Menschen keine Heiligen sind. In seinem späten Farbfilm «Heaven Can Wait» meldet sich ein frisch Verstorbener gleich selbst in der Hölle an und erzählt dem Teufel von einem Leben voller Affairen. Doch dieser drückt ein Auge zu, so wie einst die Ehefrau, die nur zu gut wusste, was für einen Schwerenöter sie geheiratet hatte. Vielleicht gibt es für den Sünder ja doch einen Platz im Himmel, wenn auch nicht im Haupttrakt, so doch vielleicht in einem der Nebengebäude.
 
Diese offenherzige Frivolität hat bei Lubitsch ihr Gegenstück in einer eleganten Subtilität. Kein anderer Regisseur vor und nach ihm filmt so oft verschlossene Türen. Was hinter diesen geschieht, wird immer der Fantasie der Zuschauer überlassen. Lubitsch wusste nur zu gut, dass die Vorstellungen in den Köpfen des Publikums immer anrüchiger sein würden, als das, was sich auf der Leinwand überhaupt zeigen liess. Die amerikanischen Filmzensur begriff nur zu gut, dass Lubitsch gerade in diesen Auslassungen so subversiv war: «Man weiss genau, was er sagt, aber man kann nicht beweisen, dass er es sagt», hat ein Zensurbeamter einmal gesagt.
 
Tatsächlich aber sind die  verschlossenen Türen, die Andeutungen nicht nur ein Trick, um die Zensurbehörden zu übertölpeln, sie zeigen auch, wo Lubitschs eigentliches Interesse liegt: nicht im finalen Akt, sondern im dem, was davor liegt, in der Verführung, im Spiel mit der Lust. Es ist darum auch wenig verwunderlich, welche Wichtigkeit die Mode in seinen Filmen spielt: Lubitsch, der Sohn eines Berliner Damenschneiders kleidet in Hollywood die schönsten Schauspielerinnen in die verführerischsten Roben – die engen, goldenen Seidenkleider machen aus den Frauen glitzernde Versprechen. Fast muss man die Augen geblendet zusammenkneifen angesichts von Marlene Dietrich in «Angel» oder Miriam Hopkins in «Troble in Paradise», denn Glamour war nie so glamourös wie hier.
 
Doch auch solche Schönheit weiss Lubitsch noch zu ironisieren, etwa wenn in «Ninotchka» Greta Garbo als strenge Kommunistin in einem Pariser Hut die Dekadenz des Kapitalismus ausmacht, um ihm schliesslich– dem Hut ebenso wie dem Kapital – ganz zu verfallen. Und in «To Be Or Not To Be» träumt Carole Lombard als Schauspielerin eines Antinazi-Stück davon im Abendkleid eine KZ-Gefangene zu mimen.
 
Wie radikal Lubitschs Witz war, belegt gerade dieser letzte Film besonders eindrücklich. Der Film um eine Warschauer Theatertruppe, die unverhofft mit der Gestapo Katz-und-Maus spielt, ist neben Chaplins «The Great Dictator» die gewiss brillanteste Farce über den Nationalsozialismus. Damit beweist Lubitsch, dass er selbst Hitlers Schergen nicht ernst nehmen konnte: wenn sich herausstellt, dass der echte Gestapooffizier auch nichts anderes stammelt, als der chargierende Bühnenschauspieler, der ihn imitiert, wird offensichtlich: auch die Bösewichte sind nur Schmierenkomödianten. Es konnte nur ein Jude sein, der solch einen Film inszenierte. Damit steht «To Be Or Not To Be» nicht zuletzt in der grossen Tradition des jüdischen Witzes, jener Gattung des Komischen, die wie vorführt, wie man auch noch über das lachen kann, was einen umbringt. Lubitsch selbst hat für seine komödiantische Produktivität mit einem Herzinfarkt bezahlt. Er wurde gerade mal 55 Jahren alt. Sein Werk aber gebärdet sich heute so lebendig, wie damals und funktioniert so gut, wie die Gags, die Lubitsch aufeinander zu türmen pflegte: nicht nur doppelt, sondern dreifach.
 
© Johannes Binotto
 
(Bild: Oscar Wilde als Stummfilm - «Lady Windermere's Fan» von 1925)
2. Mai 2007, Basler Zeitung