«We had some good times, but they're gone – the winter's coming on», so sang Jim Morrison bereits zwei Jahre vor dem berühmten Summer of Love von 1967. Die kritischen Rückblicke, die momentan aus Anlass des 68er Jubiläums verschiedentlich zu lesen sind, verschweigen gerne, wie wenig Illusionen sich die Flower-Power-Bewegung offenbar selbst machte. So ist auch die Reihe, die das Kino Xenix bis Anfang August den Filmen aus der Hippie-Ära widmet, nur auf den ersten Blick eine nostalgische Angelegenheit. Gewiss bieten Streifen wie «Yellow Submarine» oder «Barbarella» jede Menge Blumenkinder-Kitsch mit wenig Misstönen. Auch das leider kaum bekannte B-Movie «Psych-Out» mit Jack Nicholson als Rockmusiker mit vielsagendem Spitznamen «Stoney» zeigt die Hippie-Szene und ihre Hochburg San Francisco recht schwärmerisch.
Doch bereits in Mike Nichols' Klassiker «The Graduate» wird der Aufbruchsstimmung der Sechziger ein Dämpfer aufgesetzt: Wenn Dustin Hoffman sich zum Filmende von den Zwängen des Bürgertums emanzipiert und mit seinem Mädchen im Bus davonfährt, bleibt die Kamera einen Tick zu lange auf den Gesichtern des Rebellenpärchens und verwandelt so das Happy End in eine bitterböse Satire. Auf dem Soundtrack säuseln zwar noch Simon & Garfunkel vom alternativen Leben, den beiden frischgebackenen Aussteigern ist aber schon anzusehen, dass sie auch jenseits des bürgerlichen Miefs Spiesser bleiben werden, die nichts mit sich und einander anzufangen wissen. Noch heftiger betreibt Barbet Schroeder in seinem Début «More» diese Demontage: Das Roadmovie um den deutschen Studenten Stefan, der an der Seite des selbstbewussten Party-Girls Estelle in Ibiza das Glück sucht, führt in eine fatale Sackgasse. Wo man Unabhängigkeit und Freiheit gesucht hat, lauert gerade die Abhängigkeit und Gefangenschaft: Die Figuren sind süchtig von Heroin, und die Gier nach Liebe macht sie zu gegenseitigen Gefangenen. Schroeders Film funktioniert dabei selbst so doppelgleisig wie die ambivalente Ära, die er beobachtet: Er berauscht und verführt, etwa mit dem hypnotischen, von Pink Floyd eigens für den Film komponierten Soundtrack oder mit der Hauptdarstellerin Mimsy Farmer, die mit «More» zur regelrechten Sixties-Ikone wurde. Doch bei aller Verführung macht Schroeder sich und den Zuschauern nie etwas darüber vor, wie bitter das Erwachen aus dem Rausch sein wird.
Am extremsten materialisierte sich der Kater, der auf die Hippie-Euphorie folgte, in jenem legendären Konzert der Rolling Stones im Dezember 1969 in Altamont: Der zugedröhnte Meredith Hunter zieht vor der Bühne eine Waffe und wird darauf niedergestochen. Die Brüder Albert und David Maysles, Aushängeschilder der sogenannten «Direct Cinema»-Bewegung, hatten das Konzert gefilmt und damit unbeabsichtigt auch das Ende vom Hippie-Traum. Unter dem Titel «Gimme Shelter» stellt ihr Film quasi das Gegenstück dar zum anderen berühmten Konzertfilm aus der Zeit, der Dokumentation «Woodstock», die ebenfalls in der Xenix-Reihe zu sehen ist.
Während also bei einem Konzert der Rolling Stones der Traum von Love, Peace and Happiness seine gewalttätige Kehrseite zeigte, begab sich deren Bandleader Mick Jagger kurz darauf auch als Schauspieler in die Abgründe. In dem Film «Performance» spielt Jagger einen Rock-Superstar, der sich mit zwei Frauen in einer englischen Villa von der Aussenwelt abschottet. Als er einem Londoner Gangster in seinem Keller Unterschlupf gewährt, beginnt alles aus den Fugen zu geraten. Die Personen wechseln die Geschlechter und Identitäten, im Kommunenleben bricht sich exzessive Gewalt Bahn. Der Erstling des englischen Regisseurs Nicolas Roeg, der zehn Jahre später in «Bad Timing» mit Art Garfunkel einen anderen Musiker zu schauspielerischer Höchstleistung antrieb, war bei den ersten Testvorführungen ein regelrechtes Desaster. Vom Publikum ausgebuht, fertigte der Co-Regisseur und Drehbuchautor Donald Cammell eine zweite Version an, die indes nicht minder radikal war. Eine virtuose, aber auch extrem verwirrende Schnitttechnik, erschreckende Gewaltausbrüche, verstörende Sexszenen und schliesslich eine Story, die spätestens ab Mitte des Films keinerlei Erzählkonventionen mehr gehorcht, machten aus dem Film ein Kunstwerk, das noch heute schwer im Magen liegt. Es ist, als hätten die Filmemacher ganz Swinging London mitsamt seinen Mythen durch den Fleischwolf gedreht. Von Hippie-Romantik blieb dabei nichts mehr übrig. Und doch ist gerade angesichts von «Performance» Nostalgie angebracht. Dass ein derart eigenwilliger Film überhaupt gemacht werden konnte, zeigt, wie viel das Kino vom Revolutionsgeist der sechziger Jahre profitieren konnte. Etwas mehr von dieser Frechheit im Umgang mit dem eigenen Medium täte auch dem heutigen Filmschaffen gut.
© Johannes Binotto
(Bild: Ein neuer Frauentyp: Sixties-Ikone Mimsy Farmer in «More»)