«Er ist das Oberservierteste und Mysteriöseste, das Eigenste und gleichzeitig das Öffentlichste, das wir haben» so sagte David Cronenberg einmal in einem Interview über den menschlichen Leib. Das Mysterium des scheinbar allzu vertrauten Körpers ist in der Tat das grosse Thema im Oeuvre des kanadischen Filmemachers, das bis Ende Juni im Stadtkino Basel zu sehen ist.
Ob in seinen ersten Filmen die Menschen von einem rätselhaften Parasiten befallen werden, wie in «Shivers» oder sich gegenseitig mittels Telekinese die Schädel sprengen, wie in «Scanners» - immer erweist sich der Leib als Quell des Schreckens. Das menschliche Fleisch revoltiert, entzieht sich jedem Verständnis und geht seine eigenen, erschreckenden Wege. Diese Visionen eines Körpers, der sich nicht länger unter Kontrolle halten lässt, sind heute umso subversiver als eine ganze Industrie existiert, die es sich gerade zur Aufgabe gemacht hat, dem Körper seine Eigenwilligkeiten auszutreiben. Sei es das Fitness-Studio, der Diät-Plan oder die plastische Chirurgie – versprochen wird überall, dass der menschliche Körper ganz dem Willen seines Besitzers unterworfen werden kann.
So wie Sigmund Freud mit der Entdeckung des Unbewussten postulierte, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Haus sei, so haben auch die Figuren Cronenbergs ihren Körper nicht in der Gewalt, sondern sind vielmehr umgekehrt diesem ausgeliefert. Das Unbewusste ist Fleisch geworden. So ungewohnt sich das anhören mag und so surreal Cronenberg die Revolte des Leibs inszeniert, er zielt damit ab auf durchaus bekannte Körpervorgänge. Sein Film «The Fly» in dem ein Wissenschaftler sich mit dem Körper einer Fliege verbindet, mag oberflächlich betrachtet als schauriges Zukunftsmärchen erscheinen. Tatsächlich aber ging es dem Regisseur dabei um einen ungleich zeitgenössischeren Horror. Cronenberg hatte eigentlich einen Film über Krebs machen wollen und dafür keine Geldgeber gefunden. In der Tarnung eines Science-Fiction-Films hat er ihn dann doch gedreht.
Darum wohl sind Cronenbergs Filme so schockierend, gerade weil sie so nah an unsere alltäglichen Erfahrungen von der Eigenwilligkeit des Körpers herankommen. Das Unheimliche ist bei Cronenberg nicht das ganz Andere, sondern vielmehr gerade das Vertraute, das einem fremd, der eigene Körper, der einem zum Rätsel geworden ist.
So ist auch Cronenbergs opus magnum «Videodrome» von 1983 um den Betreiber eines Fernsehsenders, der beim Betrachten von Folterfilmen allmählich zu mutieren beginnt, nicht so abgehoben, wie man zunächst meint. Die bekannte These des Philosophen Marshall McLuhan, wonach die Medien als Fortsetzung des menschlichen Körpers betrachtet werden, ist hier nur bis zur letzten Konsequenz gedacht: Was, wenn diese medialen Körperfortsätze keine sauber funktionierenden Organe, sondern wuchernde Tumoren sind? Bis heute steht die eifrig geführte Diskussion um die Wirkungsweisen neuer Medien weit hinter der Komplexität zurück, mit denen Cronenberg hier die Koppelungen von Körpern und Bildern, von Gewalt und Lust untersucht.
Das Erstaunlichste ist dabei, wie sehr Cronenberg dabei eine Ambivalenz auszuhalten vermag, wo andere Filmemacher zur Eindeutigkeit neigen. Wie schrecklich und gewalttätig die Revolte des Körpers ausfällt, zeigen diese Filme mit ekelerregender Schonungslosigkeit und doch reagiert man darauf nicht nur mit Abscheu, sondern auch mit einer irritierenden Geilheit. Besonders radikal hat Cronenberg diese Verschränkung von Abscheu und Lust im skandalösen «Crash» inszeniert, welcher der realistischste und gerade deswegen vielleicht auch der verstörendste seiner Filme ist: ein Mann und eine Frau werden durch einen schweren Autounfall aus der bleiernen Langeweile des Immergleichen gerissen. Die Verletzungen ihres Körpers eröffnen ihnen eine neue Fleisches-Lust, der Crash wird zum Aphrodisiakum. Doch so erregend – für die Figuren, wie für die Zuschauer – dieser neue, „gecrashte“ Körperzustand ist, es lässt sich daraus kein System machen. Wenn am Ende das männliche Unfallopfer auch seiner Frau einen Crash verschafft, bleibt deren Befriedigung aus. Cronenberg wagt es, sich und uns die Lust an Schmerz und Gewalt einzugestehen und macht sich doch keine Illusionen darüber, wie flüchtig diese ist.
In seinem jüngsten Film «A History of Violence» hat er diese Ambivalenz gegenüber der Gewalt erneut in bewundernswerter Klarheit formuliert: die «History» um einen liebevollen Familienvater, der in sich den Mörder (wieder-) entdeckt, beschönigt die Gewalt nicht und akzeptiert sie doch. Die Gewalt ist zugleich Bedrohung und Fundament des friedlichen Alltags. Sie steckt überall da, wo man sie nicht haben möchte: in der Familie, in der Paarbeziehung, in jedem Körper. Ausmerzen lässt sie sich nicht; es gilt vielmehr – so unmöglich das auch scheint – mit ihr zu leben, so wie man den Körper geniesst, auch gerade dann, wenn er sich gegen einen erhebt.
© Johannes Binotto
(Bild: Standbild aus «The Fly» (USA 1986) von David Cronenberg)