Wenn wir im Kino Bilder sehen, die uns ängstigen, schlagen wir die Hände vor die Augen. Und blinzeln doch zwischen den Fingern hindurch auf die Leinwand – als zugleich Opfer und Geniesser unser Schaulust. Nicolas Roegs «Don’t Look Now» von 1973, den das Filmpodium als Reedition zeigt, macht eben diese Skopophilie des Kinos zu seinem eigentlichen Thema. Das zeigt sich bereits im Titel und dessen paradoxer, ja unmöglicher Anweisung: Schau jetzt nicht! Der Restaurator John Baxter wünschte sich, er könnte aufhören zu sehen. Der tragische Unfall seiner Tochter Christine, die in einem Gartenteich ertrunken ist, hatte sich ihm bereits als blutige Vision angekündigt und auch als er zusammen mit seiner Frau wegen Restaurationsarbeiten in Venedig ist, wird er immer wieder heimgesucht von Bildern, die mit dem Tod seiner Tochter zu tun haben. Realität und visionäre Schau beginnen zu verschmelzen. Dazu repetiert der Film unablässig seine Motive: Das gefährliche Wasser des Gartenteiches, das sich im Wasser der Kanäle fortsetzt. Das rote Regenmäntelchen des ertrunkenen Mädchens, das immer wieder in den dunklen Gassen Venedigs aufblitzt und die selbe leuchtende Farbe hat, wie das Blut des fatalen Endes. So entlarvt sich im Wiederholungszwang der Bilder der Todestrieb. Beängstigend ist dabei vor allem, dass die assoziativen Bilderfolgen dieses Films nicht etwa als bloss subjektives Empfinden der Figuren dargestellt werden. Es ist vielmehr so, als hätte das Medium des Films selbst, ein Unbewusstes, welchem es sich rückhaltlos überlässt. Während Sergej Eisenstein die Montage als chronologische Erzählung entdeckte, montiert Nicolas Roeg die Bilder in der retroaktiven Syntax des Unbewussten. Das Filmpodium zeigt «Don’t Look Now» auch in ihrer Reihe der Genre Anthologien als Vertreter des Thrillers. Mit gutem Grund, zeigt der Film doch, dass nicht ein bestimmter Inhalt, sondern die Form selbst ein beängstigender Thriller sein kann.
© Johannes Binotto