Der gedämpfte Dialog
Künstler reagieren auf das Kunstkino Ingmar Bergmans: eine Ausstellung in Thun.
 
Wer der Aare entlang zum Kunstmuseum Thun geht, dem kann es vorkommen, als spazierte er in einen Film von Ingmar Bergman hinein. Wie der alte Professor Borg im Film «Wilde Erdbeeren», der sich an den Plätzen seiner Kindheit unversehens in die Vergangenheit versetzt sieht. Auch im alten Museum mit seinem malerischen Café scheinen die Uhren nach einer anderen Zeit zu ticken. Einen besseren Ort kann es für die aktuelle Ausstellung «In Silent Conversation with Ingmar Bergman» nicht geben.
Dem Ausstellungstitel zufolge ist der Dialog zwischen den ausgestellten Künstlern und dem schwedischen Regisseur ein stiller. Wohl zum einen, weil der vergangenes Jahr verstorbene Bergman sich nicht mehr an diesem Gespräch beteiligen kann. Vor allem aber auch, weil der Dialog zwischen Kunst und Kino ohnehin ein gedämpfter ist.
Denn die Beziehung zwischen Kunst und Kino ist schwierig. Zwar findet man Videoinstallationen mittlerweile in jedem Museum, doch ist das Medium des Films einem Grossteil der Kunstliebhaber suspekt geblieben. Als kommerzielles Massenprodukt von dem es nur Abzüge, aber kein richtiges Original gibt, scheint dem Film unweigerlich jene Einzigartigkeit und Aura zu fehlen, die das Kunstwerk auszeichnet.
Umso grösser ist die Leistung der Meister des Kunstkinos der Nachkriegsjahre, die Barrieren zwischen Kino und Kunst konsequent durchbrochen zu haben. Regisseure wie Bunuel, Fellini, Fassbinder, Kieslowski, Antonioni oder eben Bergman haben durch ihre Arbeit die Anerkennung als Künstler gefunden. Und umgekehrt entdeckt die bildende Kunst immer häufiger den Film als Vorbild.
In der Thuner Ausstellung trifft nun beides zusammen: Kunstkino und die vom Kino angeregte Kunst. Die Fotografien von Lotta Antonsson etwa, mit ihren Gesichtern, die sich im Schatten aufzulösen scheinen, sehen auf den ersten Blick aus, als seien sie Filmstills zu Titeln wie «Persona» oder «Schreien und Flüstern». Doch der Bergman-Film, den man sich aufgrund von Antonssons Aufnahmen vorstellt, existiert nicht. Oder vielmehr noch nicht. Denn es ist der Betrachter, der die Einzelbilder in seiner Fantasie zu einem Filmstreifen zusammensetzt.
 
Zarte Striche
 
Ähnliches geschieht auch angesichts der Zeichnungen der Kopenhagener Künstlerin Maria Finn. In zarten Bleistiftstrichen werden Szenen aus Bergmans Film «Die Zeit mit Monika» zitiert. Doch die Gesichter der Figuren bleiben ausgespart. Sie werden dadurch zu leeren Projektionsflächen für die Imaginationen der Museumsbesucher. Und wenn man sich bei Bettina Dislers Video- und Soundinstallation «endlos» eine Platikmaske mit Kopfhörern anzieht, um den endlosen Gesprächen des Films «Szenen einer Ehe» zuzuhören, rufen die Stimmen bald auch wieder Bilder hervor. Immer aufs Neue machen so die Exponate der Ausstellung den Besucher zu ihrem Teilnehmer, zum Mitschöpfer.
Mit grandioser Wirkung führt die Berner Künstlerin Andrea Loux vor, wie der Betrachter buchstäblich eingespannt wird in den künstlerischen Prozess. In ihrer Videoinstallation «Hush Hour» steht der Zuschauer zwischen zwei parallel aufgestellten Leinwänden. Zwei Frauen in einem Raum mit Schwimmbassin reden, kämpfen miteinander, trennen sich und begegnen sich wieder. Doch verbleiben die beiden fast ausschliesslich auf separaten Leinwänden.
Der Besucher, unfähig die Handlung ganz zu sehen, muss sich also immer wieder umdrehen. Er muss sich immer wieder der einen oder anderen Figur zuwenden – im wörtlichen, wie übertragenen Sinne. Der Zuschauer steht somit ganz konkret mitten drin im Geschehen, ist regelrecht eingeklemmt in die Handlung. Die Worte, welche die beiden Frauen dabei äussern, sind Dialogfetzen aus Bergmans erschütterndem «Das Schweigen». Der Film provozierte 1963, wegen heute kaum mehr explizit zu nennenden Sexszenen, einen weltweiten Skandal und wurde mit zahlreichen Aufführungsverboten belegt. Was damals die Gemüter so erhitzte, mag zwar heute niemanden mehr aufregen, doch die beklemmende Wirkung dieses um Kommunikationslosigkeit, Verzweiflung und Einsamkeit kreisenden Kammerspiels ist bis heute ungebrochen.
 
Unheimlicher Spiegel
 
Andrea Loux indes gelingt es, diese Beklemmung noch zu steigern. Zwischen den Leinwänden ergreift einen das Gruseln: Diese bewegten Bilder, die sich zueinander wie Spiegel verhalten, müssten doch eigentlich auch mich, der ich mich zwischen ihnen befinde, abbilden können oder zumindest meinen Stellvertreter, die Kamera. Aber es ist nichts zu sehen. Man bleibt unsichtbar. Die Position des unbeteiligten Voyeurs, die man im Kino als so gemütlich erlebt, wird bei Andrea Loux zu einer beängstigenden Erfahrung.
Ähnlich unheimlich ist die ebenfalls von «Das Schweigen» inspirierten Installation von Evanthia Tsantila: Zwei ineinander verschachtelte Räume schaffen ein kleines Labyrinth. In seinem Zentrum zeigt eine Videoprojektion zwei Menschen, die verängstigt um sich schauen, grad so als erwarteten sie einen Eindringling. Dieser Eindringling ist freilich niemand anders als der Betrachter selber. Doch dass er offenbar nicht bemerkt wird, macht die Situation nur noch ungemütlicher.
Diese virtuos ausgeklügelten Kunstwerke profitieren dabei zusätzlich von der Wirkung der Ausstellungsräume. Denn die Villa mit ihren hohen Stuckatur-Decken und den knarrenden Holzböden schafft selbst schon eine traumähnliche Stimmung. «Ich weiß nämlich, dass wir mit Hilfe des Films in bisher nie gesehene Welten eindringen können. In Wirklichkeiten außerhalb der Wirklichkeit», hat Bergman einmal über seine Arbeit gesagt. In der Ausstellung von Thun wird dieses Eindringen in fremde Welten zur realen Erfahrung.
In einem – erneut mit «Das Schweigen» betitelten - Werk hat Joseph Beuys fünf Filmrollen verzinkt und aufeinander geschichtet. Dieses ebenfalls ausgestellte Objekt zeigt durchaus ironisch, wie unscheinbar und banal jener Stoff ist, aus dem die Kinoträume gemacht sind. Von der filmischen Illusion bleibt nichts als das materielle Substrat, ein simples Industrieprodukt.
 
Reiner Zufall
 
Die Ausstellung in Thun indes führt unentwegt vor, wie der Film fortwirken kann, auch ohne Filmrollen und ausserhalb des Kinos. Damit bilden die Kunstwerke nicht nur die Nachhaltigkeit von Ingmar Bergmans Arbeit ab, sondern die Nachhaltigkeit von Kino per se. Nicht nur in den Kunstwerken laufen Filme weiter, sondern auch in der Erinnerung der Zuschauer. Wie die Filme Bergmans sind die Exponate Abbildungen unseres Seelenlebens.
Aus reinem Zufall ist zur gleichen Zeit wie die Bergman-Ausstellung im Kunstmuseum Thun auch eine kleine, vom örtlichen Ruderklub zusammengestellte Sammlung von Kunstwerken aus den Beständen des Depots zu sehen. Mit dabei ist die Skulptur «Spiegelpendel» von Werner Witschi: Mehrere Chromspiegel wiegen sich wie im Takt des Meeres. Der Besucher sieht sein Gesicht darin immer wieder neu reflektiert, mal komisch, mal unheimlich, auseinanderfallend, einstürzend. Auch dieses Objekt bringt, vom Künstler wohl unbeabsichtigt, noch einmal die filmischen Psychogramme Ingmar Bergmans in Erinnerung. Wie heisst doch eines davon: «Wie in einem Spiegel».
 
© Johannes Binotto
 
Kunstmuseum Thun (Hofstettenstr. 14) bis 7.9.08 Di bis So 10-17, Mi 10-21 Uhr. Katlog im Christoph Merian Verlag. www.kunstmuseum-thun.ch
 
(Abbildung: «Summer After Monika» (2007) von Maria Finn)
16. Juli 2008, Basler Zeitung