Unter den Meistern des klassischen Hollywoodkinos war er der grosse Allrounder. Howard Hawks - dem das Filmpodium in den kommenden Wochen eine Retrospektive widmet - hat sich in nahezu jedem erdenklichen Genre versucht. Gangsterfilm, Monumentalepos, Film noir, Komödie, Western, Fliegerdrama, Musical, Science-Fiction, Gefängnisfilm oder Abenteuerstreifen – alles hat Hawks gemacht und meistens mit Erfolg. Man möchte meinen, Meisterschaft sei nur durch Spezialisierung zu erreichen. Hawks hingegen hat gleich für mehrere Gattungen, deren beste Vertreter gedreht: wer die Top Ten des Western auflisten will, kommt um seinen«Rio Bravo» von 1959 nicht herum, zur Bestenliste der Komödie hat er gleich eine Handvoll Titel geliefert und über den Gangsterfilm «Scarface» von 1932 meinte Hawks selbst ganz unbescheiden, dass er hier bereits alles vorweggenommen habe, was Francis Ford Coppola gut vierzig Jahre später in seinem Mafiaklassiker «The Godfather» zeigen sollte.
So scheint es ob der erfolgreichen Vielseitigkeit von Howard Hawks ein hoffnungsloses Unterfangen, dessen fast fünfzig Filme umfassendes Oeuvre auf einen Nenner bringen zu wollen. Es mag umso mehr erstaunen, dass in den Fünfziger Jahren die Kritiker der «Cahiers du cinéma» neben Alfred Hitchcock ausgerechnet Howard Hawks als prototypischen Autorenfilmer bezeichneten, dessen Handschrift jedem seiner Filme deutlich abzulesen sei. Tatsächlich existiert diese Hawks’sche Handschrift, doch zeigt sie sich – obgleich es zwischen den einzelnen Filmen durchaus thematische Bezüge gibt – weniger im Inhalt, als vielmehr in der Form.
Winchester, so hiess Hawks mit zweitem Vornamen. Wer seine Filme kennt, kommt nicht umhin, zu schmunzeln über diesen passenden Namen. Wie die Winchester, jenes berühmte Repetiergewehr des Wilden Westens, das sich mit nur einem Handgriff laden liess, so war auch Hawks’ Spezialität die erstaunliche Geschwindigkeit mit denen er seine Ideen abfeuerte. In jungen Jahren war der Regisseur Autorennen gefahren und in seiner Freizeit war er ein begeisterter Schütze und entsprechend machte er Kino. «Meine Filme sind mindestens 20% schneller als die meiner Kollegen», erklärte er einmal stolz und offenbar hatten die meisten seine Darsteller zu Drehbeginn einige Tage gebraucht, bis sie sich an das neue Tempo gewöhnt hatten. Nirgends lässt sich dieses rasante Tempo besser studieren als in Howard Hawks Komödien. Wenn in «Bringing Up Baby» der unbeholfene Cary Grant einem Dinosaurierknochen nachjagt und derweil von der liebestollen Katherine Hepburn und ihrem zutraulichen Leoparden verfolgt wird, wäre es ein Euphemismus zu sagen, dass die Dinge sich überstürzen. Dies gilt nicht weniger, wenn im fulminanten Spätwerk «Man’s Favorite Sport» Rock Hudson als Angelspezialist, der weder angeln noch schwimmen kann ausgerechnet den grössten Hecht an Land zieht, indem er in den See purzelt und den Fisch in seiner Hose fängt. Nicht umsonst nennt man diese Spielart der Komödie «Screwball-Comedy», in Anlehnung an einen Ausdruck im Baseball für einen Wurf, welcher derart Geschwindigkeit und Effet aufweist, dass auch der beste Schläger ihn verfehlt. In «His Girl Friday» indes hat Hawks seinen Schnellfeuerwitz derart beschleunigt, dass auch heute noch jedem Zuschauer der Atem wegbleibt. Erzählt wird die Geschichte eines skrupellosen Zeitungsredaktors, der mit allen erdenklichen Tricks und haarsträubenden Lügen seine beste Reporterin davon abzuhalten versucht, den Journalistenjob an den Nagel zu hängen. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden Protagonisten ist ein regelrechtes Wortgefecht, in denen sie sich gegenseitig andauernd ins Wort fallen. Damit bei diesem, für die damalige Zeit revolutionären Verfahren keine Gags ungehört bleiben, liess Hawks die Dialoge so schreiben, dass jeweils der erste und letzte Satz eines Monologs entbehrlich waren, damit sich die Stimmen dort überlappen konnten, um so den Eindruck von Geschwindigkeit zu erzeugen. Trotz solcher Vorsichtsmassnahmen hat Hawks’ Tempo den Grossteil des Publikums zuweilen überfordert, seinem Erfolg aber hat das keinen Abbruch getan. «In jedem Kinopublikum hat es zwei, drei Leute, die schneller begreifen, als alle andern. Für diese drei mache ich meine Filme. Sie beginnen zu lachen und die andern machen es ihnen nach.»
Bei der Geschwindigkeit und der Treffsicherheit seiner Witze über lächerliche Männer und selbstbewusste Frauen blieb Hawks keine Zeit für anderen Firlefanz, wie besondere Kameraeinstellungen oder verschachtelte Erzählweisen. Und wenn die jungen Kritiker aus Frankreich ihn als Autoren bejubelten, hat er sich nur darüber mokiert und von sich selbst nie als Künstler, sondern bloss als solidem Geschichtenerzähler gesprochen. Wahrscheinlich aber war sich Hawks nur zu bewusst, dass solches Understatement seine Fähigkeiten nur noch deutlicher hervortreten lassen würde. Betrachtet man nämlich all seine Treffer besteht kein Zweifel: Winchester Hawks, der Meisterschütze des Kino war ein Genie, auch wenn er das selber immer bestritt.
© Johannes Binotto